Der Stundenverrechnungssatz (kurz: SVS) ist die zentrale Kennzahl in der
Handwerker-Kalkulation. Er bildet den Preis pro Stunde, den du einem Kunden in Rechnung
stellen musst, um all deine Kosten zu decken und zusätzlich Gewinn zu erwirtschaften.
für Tischler & Schreiner als Einzelunternehmer gibt es einige Besonderheiten, die oft übersehen werden.
Tischler haben den höchsten Werkstatt-Fixkostenanteil aller Handwerksberufe — eine vernünftige Werkstatt-Infrastruktur ist Pflicht, nicht Option.
Maschinenpark ist kapitalintensiv: Eine gute Formatkreissäge kostet 8.000-15.000 €, eine Dickenhobel-Kombi 5.000-10.000 € — über 10-15 Jahre Abschreibung.
Spezialisierungen (Treppenbau, Innenausbau-Premium, Möbeldesign, Restauration) erlauben Stundensätze von 75-95 €/Std. und hochwertige Kundenbeziehungen.
Die Grundformel
SVS = (Unternehmerlohn + Lohnnebenkosten + Betriebskosten) × (1 + Gewinnzuschlag)
÷ produktive Jahresstunden 1. Unternehmerlohn
Der Unternehmerlohn ist das, was du als Geschäftsinhaber für dich selbst
verdienen willst — und zwar brutto, also vor Einkommensteuer. Viele Handwerker setzen
hier viel zu wenig an, weil sie nur ihren Netto-Wunsch im Kopf haben. Faustregel: Wenn du
3.000 € netto pro Monat willst, musst du bei rund 42.000-45.000 € Brutto-Jahresgehalt landen.
Der Unterschied ist die Einkommensteuer (14-42 %, progressiv).
2. Lohnnebenkosten (bei dir selbst)
Als Angestellter zahlt dein Arbeitgeber die Hälfte der Sozialabgaben — als Selbstständiger
trägst du alles selbst:
- Krankenversicherung: freiwillig gesetzlich ca. 400-600 €/Monat, privat stark variabel
- Rentenversicherung: optional (Rürup-Rente, Basisrente, ETF-Sparpläne)
- Unfallversicherung / Berufsgenossenschaft: für Handwerker Pflicht
- Pflegeversicherung: an KV gekoppelt
Lohnnebenkosten summieren sich für einen Einzelbetrieb schnell auf 8.000-14.000 €/Jahr.
3. Betriebskosten (Gemeinkosten)
Typische Kostenposten für Tischler & Schreiner:
- Werkstatt-Miete: 80-150 m² inkl. Strom, Heizung, Absauganlage ≈ 6.000-12.000 €/Jahr (größter Posten!)
- Maschinenpark: Formatkreissäge, Hobelmaschine, Dickenhobel, Fräse, Bandschleifer — Abschreibung ≈ 2.500-5.000 €/Jahr
- Absauganlage & Filteranlagen: Pflicht nach TRGS 553 (Holzstaub-Verordnung), Filter-Wechsel ≈ 800-1.500 €/Jahr
- Holz- und Materiallager: Plattenmaterial, Massivholz-Vorrat, Furnier, Kleber, Beize ≈ 2.000-5.000 €/Jahr
- Fahrzeug: Transporter mit Schutzaufbau für Möbel ≈ 4.000-6.500 €/Jahr
- Beschläge & Kleinmaterial: Scharniere, Griffe, Schrauben, Dübel — Verbrauchsmaterial ≈ 1.500-3.500 €/Jahr
- Software & Administration: CAD-Software (z. B. SketchUp Pro, IMOS), Branchensoftware, Steuerberater ≈ 1.500-3.500 €/Jahr
- Versicherungen & BG: Haftpflicht, Inhaltsversicherung Werkstatt (Maschinen wertvoll!), BG Holz ≈ 1.200-2.500 €/Jahr
4. Produktive Stunden pro Jahr
Hier machen viele Handwerker den entscheidenden Denkfehler. 365 Tage × 8 Stunden = 2.920 —
die rechnen aber niemals kostendeckend. Realität:
- 365 Tage − 104 Wochenenden − 30 Urlaub − 10 Krankheit − 10 Feiertage = ~211 Arbeitstage
- Von 8 Stunden am Tag sind typischerweise nur 5-6 Stunden verrechenbar — der Rest: Anfahrt, Angebote, Material, Büro
- Realistisch: 1.200-1.500 produktive Stunden pro Jahr
5. Gewinnzuschlag
Der Gewinnzuschlag (10-20 %) ist kein Luxus. Er deckt:
- Rücklagen für unvorhergesehene Ausfälle (Krankheit, Zahlungsausfall)
- Investitionen in bessere Werkzeuge und Maschinen
- Wachstum: später vielleicht einen Gesellen einstellen
- Unternehmerisches Risiko — das du als Angestellter nicht hättest
Beispielrechnung Tischler & Schreiner 2026
Einzelunternehmer, Wunsch-Nettogehalt 3.000 €/Monat,
Betriebskosten 19.000 €/Jahr,
freiwillige gesetzliche KV 450 €/Monat,
5 Stunden verrechenbar pro Tag, 220 Arbeitstage,
13 % Gewinnzuschlag:
- Brutto-Unternehmerlohn: ~43.000 €
- Krankenversicherung: 5.400 €
- Betriebskosten: 19.000 €
- Summe: 67.400 €
- Produktive Stunden: 5 × 220 = 1.100 h
- Mit 13 % Gewinn: ~72 €/Std. netto
- Brutto für Kunden (+19 % USt): ~85,7 €/Std.
Wer bei 45 €/Std. bleibt, verliert bei dieser Kalkulation rund 29.700 € pro Jahr —
nicht, weil er „zu wenig verdient", sondern weil seine eigentlichen Kosten nicht gedeckt sind.