Der Stundenverrechnungssatz (kurz: SVS) ist die zentrale Kennzahl in der
Handwerker-Kalkulation. Er bildet den Preis pro Stunde, den du einem Kunden in Rechnung
stellen musst, um all deine Kosten zu decken und zusätzlich Gewinn zu erwirtschaften.
für Dachdecker als Einzelunternehmer gibt es einige Besonderheiten, die oft übersehen werden.
Die Berufsgenossenschaft (BG Bau) verlangt von Dachdeckern deutlich höhere Beiträge als von anderen Gewerken — das ist kein Luxus, sondern kalkulatorisch zwingend zu berücksichtigen.
Wetterabhängigkeit: Dachdecker verlieren typischerweise 15-25 % der Arbeitstage an Regen, Sturm, Frost. Rechne mit 200-210 Arbeitstagen statt 220.
Produktive Stunden sind bei Dachdeckern tendenziell niedriger (1.200-1.380 h) — Absicherung, Materialtransport aufs Dach und Wetterunterbrechungen fressen Zeit.
Die Grundformel
SVS = (Unternehmerlohn + Lohnnebenkosten + Betriebskosten) × (1 + Gewinnzuschlag)
÷ produktive Jahresstunden 1. Unternehmerlohn
Der Unternehmerlohn ist das, was du als Geschäftsinhaber für dich selbst
verdienen willst — und zwar brutto, also vor Einkommensteuer. Viele Handwerker setzen
hier viel zu wenig an, weil sie nur ihren Netto-Wunsch im Kopf haben. Faustregel: Wenn du
3.000 € netto pro Monat willst, musst du bei rund 42.000-45.000 € Brutto-Jahresgehalt landen.
Der Unterschied ist die Einkommensteuer (14-42 %, progressiv).
2. Lohnnebenkosten (bei dir selbst)
Als Angestellter zahlt dein Arbeitgeber die Hälfte der Sozialabgaben — als Selbstständiger
trägst du alles selbst:
- Krankenversicherung: freiwillig gesetzlich ca. 400-600 €/Monat, privat stark variabel
- Rentenversicherung: optional (Rürup-Rente, Basisrente, ETF-Sparpläne)
- Unfallversicherung / Berufsgenossenschaft: für Handwerker Pflicht
- Pflegeversicherung: an KV gekoppelt
Lohnnebenkosten summieren sich für einen Einzelbetrieb schnell auf 8.000-14.000 €/Jahr.
3. Betriebskosten (Gemeinkosten)
Typische Kostenposten für Dachdecker:
- Fahrzeug & Anhänger: Pritschenwagen / Kipper + Ladekran oder Anhänger ≈ 6.000-10.000 €/Jahr
- Sicherheitsausrüstung: Auffanggurte, Seile, Anschlagpunkte, PSA — Pflicht und jährlich geprüft ≈ 1.500-3.000 €/Jahr
- Werkzeug & Maschinen: Schlagbohrer, Nagelgerät, Heißluftgebläse, Blechscheren, Löter ≈ 2.000-4.000 €/Jahr
- Gerüste (eigene oder Miete): Dachdeckergerüst, Fanggerüst ≈ 3.000-8.000 €/Jahr
- Büro & Werkstatt: Miete, Strom, Lagerplatz für Material ≈ 2.500-5.000 €/Jahr
- Versicherungen: Höhere Haftpflicht, Rechtsschutz, BG Bau (bei Dachdeckern hoch!) ≈ 2.500-4.500 €/Jahr
- Weiterbildung & Zertifizierungen: Höhen-Sicherheitsschulung, Dachdecker-Innung ≈ 500-1.500 €/Jahr
4. Produktive Stunden pro Jahr
Hier machen viele Handwerker den entscheidenden Denkfehler. 365 Tage × 8 Stunden = 2.920 —
die rechnen aber niemals kostendeckend. Realität:
- 365 Tage − 104 Wochenenden − 30 Urlaub − 10 Krankheit − 10 Feiertage = ~211 Arbeitstage
- Von 8 Stunden am Tag sind typischerweise nur 5-6 Stunden verrechenbar — der Rest: Anfahrt, Angebote, Material, Büro
- Realistisch: 1.200-1.500 produktive Stunden pro Jahr
5. Gewinnzuschlag
Der Gewinnzuschlag (10-20 %) ist kein Luxus. Er deckt:
- Rücklagen für unvorhergesehene Ausfälle (Krankheit, Zahlungsausfall)
- Investitionen in bessere Werkzeuge und Maschinen
- Wachstum: später vielleicht einen Gesellen einstellen
- Unternehmerisches Risiko — das du als Angestellter nicht hättest
Beispielrechnung Dachdecker 2026
Einzelunternehmer, Wunsch-Nettogehalt 3.200 €/Monat,
Betriebskosten 18.000 €/Jahr,
freiwillige gesetzliche KV 480 €/Monat,
5 Stunden verrechenbar pro Tag, 200 Arbeitstage,
15 % Gewinnzuschlag:
- Brutto-Unternehmerlohn: ~46.000 €
- Krankenversicherung: 5.760 €
- Betriebskosten: 18.000 €
- Summe: 69.760 €
- Produktive Stunden: 5 × 200 = 1.000 h
- Mit 15 % Gewinn: ~77 €/Std. netto
- Brutto für Kunden (+19 % USt): ~91,6 €/Std.
Wer bei 45 €/Std. bleibt, verliert bei dieser Kalkulation rund 32.000 € pro Jahr —
nicht, weil er „zu wenig verdient", sondern weil seine eigentlichen Kosten nicht gedeckt sind.